Was muss ich tun? Ein Zwischenruf von Gerhard Schäberle-Koenigs

Was ist wichtiger: Eine to-do-Liste, die mein Handeln bestimmt, weil sie mir sagt, was zu tun ist? Oder eine not-to-do-Liste, die mir sagt, was zu unterlassen ist?
Ein spannendes Gedankenspiel in der Sommerzeit.

„Was muss ich tun …?
Es ist Sommer geworden. Die Ferien- und Urlaubszeit kommt in Sicht. Für Viele wird die Urlaubszeit die-ses Jahr anders sein als gewohnt. Viele werden nicht verreisen oder Ziele im eigenen Land ansteuern. Urlaub wird sich dieses Jahr auch deshalb anders anfühlen, weil für viele die letzten Monate bereits unfreiwillig entschleunigt waren. Es gab einfach weniger Gelegenheiten, etwas zu unternehmen. Viele Attraktionen sind ausgefallen. Für manche gab und gibt es immer noch weniger Arbeit. Das war und ist mit großen Sorgen verbunden. Aber im Großen und Ganzen haben wir gelernt, Gewohntes sein zu las-sen. Etliches ist leichtgefallen. Anderes hat wehgetan.

Und nun kommt also die Urlaubszeit in Sicht. Was soll man tun, damit sich der Urlaub lohnt in dieser Zeit? Vielleicht haben Sie bisher gedanklich oder auch tatsächlich eine to-do-Liste gemacht. Was also zu tun ist: Wen besuchen? Welche Bücher lesen? In welchen Erlebnispark fahren? Was reparieren? Welche Schränke aufräumen? Mit wem öfters telefonieren? Welche Anschaffungen endlich erledigen? Und wieviel davon werden Sie Sie am Ende wirklich getan haben? Die Hälfte? Oder ein Viertel? Oder nur 5 Prozent? To-do-Listen tragen immer die Gefahr der Enttäuschung oder Unzufriedenheit in sich.

Die not-to-do-Liste
Wie wäre es, einmal anders herum auf die Urlaubszeit zuzugehen? Mit einer Liste, auf der alles aufge-schrieben ist, was nicht zu tun ist? Das wäre dann eine Not-to-do-Liste. Ein Witzbold sagte einmal, man braucht sie, um wichtige Dinge in der richtigen Reihenfolge zu verpassen. Da steht dann drauf, was den Sommer über ruhen soll. Was wollen wir schwänzen? Was kann bis zum Herbst warten? Von welchen Attraktionen lassen wir uns nicht anziehen? Wo können wir fünf gerade sein lassen, ohne in die Krise zu geraten? Was möchten wir mit Genuss verpassen? Was kann unaufgeräumt bleiben, auch wenn Gäste kommen? Jeder und Jede wird dabei seine eigenen Maßstäbe anlegen. Wichtig ist nur, dass überhaupt etwas auf dieser Liste steht. Dann nimmt der innere Druck ab und Freiraum und Freizeit tun sich auf.

Die 10 Gebot sind eine Not-to-do-Liste
Das ist jetzt nichts ganz Neues. Schon die 10 Gebote in der Bibel sind eine not-to-do-Liste. Da steht drauf, was man lassen soll, um Freiheit miteinander leben zu können. Dafür hat Gott dem Mose diese Liste übergeben. Sie war in Stein gemeißelt. Auch Jesus musste sich einmal mit der Frage auseinandersetzen, was man tun muss. Seine Antwort lässt aufhorchen.

Jesus: "Du musst ganz viel sein lassen!"
Ein junger Mann kam auf ihn zu und fragte: Was muss ich tun, damit ich das ewige Leben bekomme? Nicht religiös könnte man auch sagen: Was muss ich tun, damit sich mein Leben wirklich und umfassend und über den Tod hinaus lohnt? Jesu Antwort läuft darauf hinaus: Du musst ganz viel sein lassen. Speziell ihm, der offenbar ziemlich wohlhabend war, sagte er: Loslassen musst du. Ganz viel. Weil du so viel hast, was dich umtreibt und unter Druck setzt und du Angst hast, es zu verlieren. Der Mann hat es wohl verstanden, und wusste zugleich, dass es ihm unmöglich ist. Er ging traurig davon (in der Bibel, Matthäusevangelium 19, 16-22).

Die Urlaubszeit mit einer not-to-Liste vorzubereiten, ist ein spannendes Experiment. Es lohnt sich. Dieses Jahr ist die seit langem beste Gelegenheit, es auszuprobieren. Wir sind bestens vorbereitet. Die Corona-Krise hat uns ja gezwungen und gelehrt, manches nicht zu tun, was wir vorher fast automatisch getan haben.

Pfarrer Dr. Gerhard Schäberle-Koenigs, Referent beim Dekan in Calw