Wort zum Osterfest 2021: »An Ostern und an allen Tagen«

„Bist du noch da?“ ruft Lilly aus ihrem Bett. Sie hat darauf bestanden, dass ein Spalt zum Wohnzimmer offen geblieben ist, durch den ein Lichtstrahl ins dunkle Kinderzimmer fällt. „Ja, ich bin noch da!“ ruft die Mutter zurück. Lilly kann einschlafen, weil sie ganz sicher weiß: Die Mama ist noch da. Ich bin nicht allein. Auch nicht in der dunklen Nacht.

Ganz am Ende des Matthäus-Evangeliums steht der Satz, den Jesus zu seinen Jüngern bei seinem Abschied gesagt hat: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!
Es ist ein Wort nach Ostern. Die Freunde Jesu haben am Karfreitag die tiefe Verzweiflung erlebt. Jesus ist elend am Kreuz gestorben. Gott hat ihn offenbar allein gelassen. Jesu Jüngerinnen und Jünger haben umsonst gehofft. Mit dem Tod Jesu ist alles aus.

Aber es wurde Ostern. Und da kommt der, den Gott auferweckt hat, da kommt der Christus und sagt zu ihnen: Friede sei mit euch! Er gibt ihnen einen Auftrag, und er verspricht: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!

Wenn ich an die Sorgen und Ängste dieses und des vergangenen Jahres denke, dann höre ich dieses Wort gern. Ich möchte es gerne glauben und spüren: Ja, es ist wahr. Seit es damals Ostern geworden ist, geht der Auferstandene, geht Gott selbst unsere Wege mit. Auch die allerschwersten. Und sagt: Ich bin bei Euch!

Ich denke an viele Menschen, die dieses Wort jeden Tag neu nötig haben.
Manche sehe ich vor mir: Familien, die sich um Angehörige sorgen, die mit einer Corona-Infektion im Krankenhaus liegen und die sie nicht einmal besuchen können; Ärzte und Pflegekräfte, die am Ende ihrer Kräfte sind und doch so oft nicht helfen können; Eltern, die sich Sorgen darüber machen, was aus ihren Kindern werden soll, die lange Zeit nur online unterrichtet werden konnten; Menschen, die in Kurzarbeit sind und nicht wissen, ob und wann es weitergeht an ihrem Arbeitsplatz; Künstler, Soloselbständige, Gastwirte, Hoteliers, die um ihre Existenz bangen.
Ich merke: diese Liste ist unendlich. Aber es ist wichtig, dass Menschen in ihrer Not hören und merken: Gott lässt uns nicht allein. Auch jetzt nicht.

Auch andere Menschen fallen mir ein. Solche, von denen ich gelernt habe. Menschen, die in ihrer Angst vor Morgen gesagt haben: „Weißt du, helfen kann mir niemand. Aber ich bin nicht allein. Ich lege alles in die Hand des Christus, der sagt: Ich bin bei dir!

Ich wünsche Ihnen, ich wünsche mir in diesem Jahr zu Ostern, dass wir uns wie ein Kind immer wieder vergewissern können: Gott, bist du noch da?

Er ist da. Zu Ostern und an allen Tagen. Er geht unsere Weg mit. Er ist auch da, wo unsere Angst zu groß wird und wir nichts mehr sehen und glauben. Und lässt uns nicht allein.
Frohe Ostern!

Dekan Erich Hartmann, Calw