Wort zum Samstag, den 20.2.2021: »Österliche Bußzeit«

Ernsthaft jetzt?! Nach diesem harten Corona-Krisenjahr: nach Lockdown light, Wellenbrecher-Lockdown und erneut verlängertem Shutdown… jetzt noch eine Zumutung obendrauf? Stößt die Ankündigung einer österlichen Bußzeit da nicht auf taube Ohren? Meine erste Reaktion jedenfalls fühlt sich wie Abwehr an: jetzt nicht auch noch das! Innere Einkehr, Rückzug, weitere Isolation… eigentlich habe ich genug davon! Aber bei näherem Nachspüren holt mich das Angebot der nun beginnenden Passions- und Fastenzeit doch irgendwie ab in meinem Empfinden: ich spüre nämlich nach der langen Zeit der Vereinzelung und schmerzlichen Beschränkung ein Bedürfnis, das Erlebte schrittweise zu verarbeiten.
Inmitten der gegenwärtigen Turbulenzen brauche ich eine Stop-Taste zur Neuorientierung. Denn ein abruptes „Zurück wie es vorher war“ scheint mir wenig angemessen. Vielmehr geht es um ein vorsichtiges Tasten und Suchen nach einem beständigen Weg heraus aus der Enge. Wo geht’s eigentlich weiter? Was ist wirklich wichtig? Welche Hoffnungen verfliegen nicht von heute auf morgen? Ist nicht endlich Zeit für eine neue Sicht? - Vielleicht ist diese österliche Bußzeit ja wie die Krise an ihrem Wendepunkt, ein Richtungswechsel und Ausschauhalten nach dem, was dauerhaft trägt, auch im Ungewissen und Unverfügbaren. In solchem Vertrauen jedenfalls hat Jesus seine Krisenzeit durchgestanden: die Angst vor dem was bevorsteht, die Versuchung allem einfach aus dem Weg zu gehen. In die Wüste hat er sich zurückgezogen; das war weder Flucht noch Schonraum, vielmehr geprägt von Panikattacken, Verzweiflung und Todesangst. Aber die Nacht seiner Krisenzeit ist dem Licht des Ostermorgens gewichen. Neues Leben ist auferstanden aus Trübsinn und Angst! Daran dürfen wir anknüpfen. Ostern setzt den Grundton für die hinter uns und die vor uns liegende Passionszeit.
Sie ist nicht mehr dunkel gefärbt, sondern hell und licht! Krisenzeit macht auch kreativ. Sie ist eine Zeit, in der etwas heranreift. Reifen könnte in uns ein Vertrauen, dass wir durchkommen durch die gegenwärtigen Zumutungen. Reifen könnte auch die Fähigkeit, Belastendes loszulassen, unser Nichtwissen auszuhalten und stattdessen miteinander und füreinander da zu sein. Es liegt darin eine tiefe Qualität menschlicher Reife, die es gerade jetzt nötig braucht! -
Aber der Sinn einer österlichen Bußzeit geht noch weiter. Die Frage, wie wir die Schatten unseres Lebens und unserer Welt überwinden können, findet im Bild der reifen Frucht einen starken Ausdruck: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein, wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht“ (Johannes-Evangelium 12,24). Eine reife Frucht trägt Samen. Und Samen bringen neues Leben. Um mit dieser Krise umzugehen und eine neue Lebensweise zu säen, braucht es eine Reife, die kein Endpunkt ist, kein erfolgreicher Reifeabschluss, sondern ein vertrauensvolles sich Hineinbegeben in die Tiefe des Lebens; sie hat ihren festen Grund in Gottes Treueversprechen an uns und zu dieser Welt trotz aller Unsicherheiten. -
Was also kann uns durch diese Passionswochen tragen? Es ist ein Wissen um die eigenen engen Grenzen und das Vertrauen zu dem, der uns durch das Dunkel hindurch dem Licht des Ostermorgens, ja - dem Leben näherbringt. Jesu Weg durch die Passion öffnet uns einen weiten befreienden Horizont. Gehen wir unter diesem Vorzeichen den Weg in die kommenden Wochen, gestützt auf Gottes Versprechen in allem bei uns zu bleiben, was auch geschieht: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Matthäus Evangelium 28,20).

Pfarrerin Annegret Zeyher, Klinikum Nordschwarzwald, Zfp Calw